Montag, 21. Juli 2025

Jane Campbell - Bei aller Liebe


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Manchmal sind es die leisesten Bücher, die am lautesten nachwirken. Jane Campbells Bei aller Liebe ist so eines. Auf nur 219 Seiten gelingt der Psychoanalytikerin ein erstaunlich dichter Roman über die Bruchlinien des Lebens – und über das, was geschieht, wenn Liebe nicht rettet, sondern Grenzen überschreitet.

Drei Leben, verbunden durch familiäre Bande und therapeutische Rollen: Agnes, die als Kind zur Waise wird. Malcolm, ihr Onkel, der jahrzehntelang mit einem unausgesprochenen Geständnis ringt. Und Joe – Malcolms Freund, Agnes’ Therapeut, der sich in sie verliebt. Es ist eine Konstellation voller Reibung und Verschiebung, voller Zuneigung und Zumutung.

Doch Bei aller Liebe interessiert sich nicht für dramatische Höhepunkte. Stattdessen entfaltet Campbell ihr Erzählen mit einer stillen, fast tastenden Präzision. Ihre Sprache ist weich, unaufdringlich, von kluger Zurückhaltung – analytisch, aber niemals kühl. Es ist ein Ton, der sich dem Innenleben der Figuren anschmiegt, der Erinnerungen nachspürt, der mehr andeutet als ausspricht.

Was Liebe hier bedeutet, hat wenig mit Erfüllung zu tun. Sie erscheint als ambivalente Kraft – verletzend, egoistisch, manchmal rücksichtslos. Campbell moralisiert nicht, sie beobachtet. Und gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Text seine Kraft. Er öffnet Räume, statt sie zu schließen.

Es ist ein Roman über das Altern, über das Schweigen, das zwischen Menschen liegt, über Schuld, Verlangen und das Gewicht gelebter Jahre. Aber vor allem ist es ein Roman über das, was zwischen den Zeilen geschieht.

Bei aller Liebe ist ein literarisches Kleinod – still, klug und von jener existenziellen Tiefe, die lange nachhallt, ein stiller Tanz der Sprache um Schmerz und Sehnsucht. Es gehört zu den Büchern, die man langsam lesen sollte, weil man spürt: Hier wird mit großer Sorgfalt erzählt. Campbells Sprache ist zurückhaltend und doch von großer Wärme. Sie zeigt die Liebe nicht als Heilsversprechen, sondern als ambivalente Kraft – manchmal rücksichtslos, oft egoistisch, nie einfach.

8/10




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