Donnerstag, 17. Juli 2025

Bücher: Eliza Clark - Boy Parts

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Irina ist eine Fetisch-Fotografin aus Newcastle, die sich fast ausschließlich männlichen Modellen widmet. Gefangen in einem selbstzerstörerischen Strudel aus Drogen, hartem Sex und einer zutiefst menschenverachtenden, narzisstischen Weltsicht, driftet sie zusehends in eine Psychose ab. Als sie den schüchternen Supermarkt-Angestellten Eddie für ein Shooting engagiert, scheint Irina zum ersten Mal seit Langem wieder so etwas wie ein echtes Gefühl zu entwickeln. Doch dann …

Die Geschichte um Irina ist ein Tornado der Entmenschlichung – ausgelöst durch die Protagonistin selbst. Sie verlässt das Terrain der klassischen Sympathieträgerin und wütet mit gnadenlosem Hass durch die Seiten, was stellenweise beängstigend wirkt. Mich erinnerte das Buch an einige meiner Lieblingsautoren der 90er-Jahre, allen voran Irvine Welsh – allerdings ohne dessen soziokulturelle Tiefe oder tragikomische Fallhöhe. Was hier auffällt, ist der Mut zur Zumutung – weniger aber literarische Substanz. Zurück bleibt ein Gefühl der Leere, eine düstere Stimmung, die nachhaltiger wirkt als die eigentliche Handlung. Langweilig wird es dabei nie – wirklich spannend aber auch nicht. Auf 363 Seiten begleitet man eine durchweg schlecht gelaunte, toxische Irina dabei, wie sie Drogen konsumiert, schlechten Sex hat und sich regelmäßig übergibt.

Der vom Festa Verlag beworbene „rabenschwarze Psychothriller“, der als feministischer American Psycho gefeiert wird, leidet vor allem an einem Mangel: einer Geschichte. Auch die inszenierte Psychose funktioniert nur eingeschränkt – der Übergang zwischen Realität und Wahn bleibt vage, ohne je wirklich zu verschmelzen oder in symbolisch durchdachten Episoden abgehandelt zu werden. Das wirkt äusserst fragmentiert.

Ein gänzlich überhyptes Buch, das gerade auf künstlerischer Ebene wenig zu bieten hat. Im Vordergrund stehen plakative, subversive Momente, mit denen Eliza Clark provozieren will – was ihr stellenweise auch gelingt. Die Einführung von „Tesco-Eddie“ gehört zu den wenigen gelungenen Entscheidungen, weil er der Handlung zumindest eine gewisse emotionale Gravitation verleiht. Abgesehen davon bleibt vieles bloß laut, schrill und effekthascherisch – ohne wirklich etwas zu erzählen. Was, wenn überhaupt, hängen bleibt, ist diese tief negative Stimmung, die Irina wie ein toxisches Feld umgibt.

Eine äußerst unbequeme Geschichte – irgendwo zwischen gewalttätigem, monotonem Zynismus und Sozialdrama. Und vielleicht genau deshalb für ein sehr spezielles Publikum interessant.

Ein Roman, der provozieren will – aber wenig zu sagen scheint.

4/10

Weiterer Leseempfehlung : Ottessa Moshfegh - Mein Jahr der Ruhe und Entspannung 


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